Sarahs Beitrag - Leben! mit BRCA

Sarah`s Reise…

Unsere Gastautorin Sarah hat sich nach ihrer Krebserkrankung und den notwenigen Behandlungen auf eine Reise begeben und berichtet uns davon…

 

Was für eine Zeit, um eine Reise zu beschreiben, die momentan undenkbar ist. Ich möchte es dennoch versuchen.

Letztes Jahr haben mein Freund und ich mühsam einen alten Baustellen-Bus ausgebaut und sind los gefahren: Schweden, Norwegen, Frankreich, Spanien und Portugal. Mehrere Monate haben wir in unserem Bus gelebt und haben damit ein Versprechen eingelöst, das ich mir selbst zu Beginn der Chemo gegeben hatte. In den vielen Stunden, Tagen, Wochen des seltsamen Zustands zwischen den Infusionen, zwischen Übelkeit und Wattewelt, habe ich das Phänomen des Vanlifes wieder entdeckt und wusste: Das will ich auch. Wenn’s wieder geht. Und ein Jahr später ging es.

Wir haben an allen erdenklichen Orten mit unserem Bus gestanden und geschlafen: an zig Seen und Fjorden, an steilen Klippen, an sanften Sandstränden, wild reißenden Flüssen oder kleinen zarten Bächen, an einsamen Kirchen, Bauernhöfen, auf Parkplätzen in Dörfern, an Wiesen voller fremder Blumen, in Olivenhainen oder Weinbergen, in Preiselbeer-Wäldern, an Eukalyptus-Hängen, umrundet von Schafen, umkreist von Adlern und Geiern, umgeben von zig Delfinen und umgarnt von Hunderten Moskitos. Es war wunderbar!

Im Zuge dieser Reise wurde mir das Ausmaß dessen wieder klar, was in der intensiven Phase von Behandlungen, Angst und Unsicherheit, an Kraft und Not gesteckt hat.
Gerade Reaktionen von anderen Reisenden auf meine persönlichen Erzählungen waren eine gute Basis der Auseinandersetzung und wertvolle Reflexionsgrundlage, denn oftmals verschwinden die Qualen, die Schmerzen, die Bodenlosigkeit, die ich (und so viele andere) durchgestanden haben, in der eigenen Biographie und werden zu einer Erzählung unter vielen. Das ist sowohl ein wertvoller Mechanismus der Verdrängung als auch zeitweise erschreckend, denn oftmals verlieren sich die alles verändernden Erlebnisse hinter Alltäglichkeiten.

Ich erinnere mich während der Reise des Öfteren an wunderschönen Orten gestanden zu haben, an denen mir plötzlich mit aller Wucht bewusst wurde, was passiert war. Ein rasender Film vor meinem geistigen Auge, die ganze wilde Palette an schwierigen Emotionen, das Unfassbare versuchen fassbar machen. Aufarbeitung funktioniert nicht linear, sondern zyklisch, habe ich festgestellt. Zurückerlangte Normalität wechselt sich mit Auseinandersetzung, Trauer & Demut ab. Auch auf einer solchen Reise.
Zwischendurch also Tränen der Rührung, der Überwältigung, der Erleichterung an vielen Orten auf diesem Kontinent. Gedanken an das was war, an die lebensbedrohliche Erfahrung, die sich selten in Worte fassen lässt, die jedoch stets mitschwingt in den hinteren Schichten des eigenen selbst, die gleichzeitig Angst macht und doch voller gleißender Kohlen der wiederentdeckten Lebensfreude ist.

 

Diese Reise ist nun, wie die Erkrankung, eine Erzählung in meiner Biographie, eine Episode voller Geschichten, eine Erfahrung unter vielen. Genau wie die Erlebnisse rund um die Erkrankung werden die Reise-Geschichten teilweise wichtiger oder unwichtiger sein, werden auf-und abglühen, werden vergessen und wieder erzählt. Vielleicht ist dies die zusammenfassende Erkenntnis aus dieser Zeit des Reisens:
(gern möchte ich hierzu auf eine kitschige Analogie zurückgreifen, die mir passend erscheint)
Jede Auseinandersetzung mit jeglichen großen Erfahrungen des eigenen Lebens ist wie das Meer. Die Wellen und deren Rückzug sind die tosenden Gedanken, die Ebbe und Flut die dazugehörigen Gefühle. Alles kommt und geht in ewigen Kreisen.

Sarah

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