Bewegung

Let’s go – Gemeinsam pilgern mit Annelie Volland

Viele Menschen, die Erfahrungen mit einer Krebserkrankung gemacht haben, haben sicherlich schon mal über das Pilgern nachgedacht oder sind auch schon gewandert. Dem Gedanken, der Angst einfach davonzulaufen fasziniert immer mehr Menschen. Es muss ja nicht gleich nach Santiago de Compostella sein, auch in Brandenburg gibt es eine Vielzahl von Jakobswegen durch eine wunderschöne Landschaft und mit ganz viel Ruhe.

Heute stellen wir Euch in einem Interview Annelie Volland und ihr Projekt Gemeinsam Pilgern – Pilgerwanderungen für Krebsbetroffene und ihre Familien vor:

Foto & Beitragsbild A. Volland privat

 

Hallo Annelie, ich gehe auch gerne wandern und habe schon ein Stück Brandenburger Jakobsweg bewältigt. Das war ein tolles persönliches Erlebnis. Was fasziniert Dich beim Pilgern?

Das Auseinandersetzen mit mir selbst, das Eins werden mit der Natur, den Wind in den Ohren sausen hören, das Vogelzwitschern, das Bäume rauschen und das gleichmäßige Gehen meiner Füße. Es ist wie eine Art Meditation. Ich lerne wieder die kleinsten Dinge wahrzunehmen, die Sonne auf meiner Haut zu spüren, die Stimme in meinem Kopf ganz leise werden zu lassen. Das Pilgern ist wie ein Zauber, der mich über die Wege fliegen lässt. „Der Geist des Camino“, ich glaube jeder Pilger weiß wo von ich spreche, es ist eine ganz besondere Erfahrung. Ein spiritueller Weg.

 

Wann und warum hast Du das Projekt Gemeinsam Pilgern – Pilgerwanderungen für Krebsbetroffene und ihre Familien ins Leben gerufen?

Ich selbst bin im Mai 2017 über 450km auf dem spanischen Jakobsweg gelaufen, um meine eigene Geschichte aufzuarbeiten und Spenden für Kinder krebskranker Eltern zu sammeln. Meine Erfahrungen waren so unglaublich, dass ich dies gerne teilen und weitergeben wollte. So stellte ich das Projekt mit einem Jahr Vorbereitung im Mai 2018 auf die Beine. Ich lief mit 12 Krebspatienten 150km auf dem Brandenburger Jakobsweg. Es gibt sicher viele Menschen, die sich den Weg nicht alleine zutrauen, doch in einer kleinen Gruppe und unter Anleitung ist das schon möglich. Ich möchte den Patientinnen helfen sich wieder selbst vertrauen zu können, sie leben und werden das noch viele Jahre. Sie sollen die Gemeinschaft der Pilgerschaft spüren, das Lieben, Leben und Teilen.

 

Welche Erkenntnisse erwartest Du von Deiner Studie?

Ich denke es werden eindeutige Ergebnisse zum positiven Einfluss auf die Selbstwirksamkeit und das Wohlbefinden der Patienten erkennbar sein. Auch die körperliche Aktivität wird sich verbessert haben, ich hoffe das ist auch nachhaltig zu erkennen.

 

Welche nachhaltige Wirkung erzielt Sport und Bewegung bei Menschen mit einer Krebserkrankung?

Eindeutig die Reduktion der Nebenwirkungen einer Krebstherapie in der Nachsorge. Viele Patient/innen leiden unter Fatigue, Neuropathie, Blasenstörungen/Inkontinenz, Knochenschmerzen und genereller Unsicherheit bezüglich der eigenen Leistungsfähigkeit. Die Lebensqualität ist damit noch Jahre nach Abschluss der Behandlung eingeschränkt. Auch psychische Belastungen gehen mit einer Krebserkrankung einher. Inzwischen können wir wissenschaftlich nachweisen, dass Bewegung sehr viele Nebenwirkungen stark reduzieren kann. Eine bewegungstherapeutische Begleitung in der Nachsorge kann sehr viele positive Effekte mit sich bringen und die Rehabilitation verkürzen. Das beste Medikament auf dem Markt, hinsichtlich der genannten Nebenwirkungen, würde ich meinen.

 

Wer kann an den Pilgerwanderungen teilnehmen? Wie alt sind die TeilnehmerInnen?

Krebspatient/innen mit einer abgeschlossenen Behandlung (mind. 6 Monate), dabei ist das Alter völlig irrelevant. Bei der letzten Wanderung schwankte das Alter zwischen 21 und 68. Männer und Frauen, alle sind willkommen.

 

Wie fit müssen die PilgerInnen sein? Gibt es vorherige Übungseinheiten?

Wie viele Kilometer lauft Ihr durchschnittlich am Tag?

Alle Teilnehmer/innen erhalten einen Trainingsplan, den ich zur Vorbereitung dringend empfehle. Er bereitet alle 3 Monate lang auf die Wanderung vor. Damit sollte alles machbar sein. Allerdings sollte die Wanderung durch den behandelnden Arzt einmal abgesegnet sein. Wir laufen einige Woche vorher eine Probewanderung, zum Reinfühlen und Materialcheck. Während der Pilgerwanderung werden wir täglich ca. 18-25km laufen, wobei jede Strecke auch abkürzbar ist. Niemand muss sich Sorgen machen auf der Strecke zu bleiben, dafür sorge ich persönlich.

 

Was ist nach dem Erreichen des Ziels anders als vor dem Start?

Etwas wirklich geschafft zu haben, woran man vorher nicht geglaubt hätte, vielleicht Zweifel und Sorgen hatte. Selbst über seinen Schatten springen und sich auch durchbeißen zu können. Das überträgt sich auf den Alltag. „Ich habe das geschafft, dann schaffe ich das auch!“ Solch eine Erfahrung wirkt lange nach.

 

Pilgern hat ja auch etwas mit innerer Einkehr oder gar religiösen Hintergründen zu tun. Welche Rolle spielt die Spiritualität bei Deinen Wanderungen?

Ich selbst bin nicht gläubig und gehöre auch keiner Religion an. Doch glaube ich an Energien und Bestimmungen. Es gibt einen Grund warum ich hier bin, eine Art Berufung, die ich nur finden muss. Vielleicht ist das hier meine? Ich weiß, es gibt etwas viel größeres als mich und meine Gedanken, ich möchte etwas verändern, ein Teil von etwas Großem sein und die Welt ein Stückchen besser machen. Die Frage nach meinem Weg ist sehr präsent. Ich weiß nicht wohin er mich führen wird, doch vielleicht hilft mir das Pilgern eine Antwort darauf zu finden.

 

Wie motivierst Du die Teilnehmerinnen, wenn die psychische und physische Kraft schwindet?

Ich erinnere Sie an ihre eigenen Kräfte, an das was sie bereits geschafft und erlebt haben. Der Geist ist viel stärker als der Körper und die Gruppe trägt sich oft von selbst, da hilft einer dem anderen, nimmt ihn/sie an die Hand, trägt den Rucksack des Nachbarn. Das motiviert, denn wenn alle laufen, will keiner stehenbleiben. Gemeinsam gehen wir bis zum Ziel, die Gruppendynamik wirkt oft Wunder.

 

Wie gehst Du mit den persönlichen Schicksalen um, insbesondere bei Krebserkrankungen, die nicht mehr heilbar sind?

Gespräche über den Tod sind für uns alle ein sensibles Thema. An meinen Wanderungen nehmen keine Palliativpatienten teil, doch haben einige schon ein Familienmitglied oder jemanden aus dem Freundeskreis beim Sterben begleitet. Fast alle wissen wie es ist jemanden zu verlieren. Schlussendlich ist es so: Es gibt kein Leben ohne den Tod, irgendwann werden wir ihn alle kennenlernen. Wichtig ist mir, dass wir in solchen Situationen die schönen Momente im Jetzt wahrnehmen, weinen und trauern dürfen, uns aber auch wieder freuen können. Der Tod ist kein Tabuthema, jedes Schicksal wird gehört, nicht bewertet aber gesehen. Fühlen sich meine Teilnehmer gehört und verstanden hilft das sehr bei der Verarbeitung, auch mit der eigenen Erkrankung. Schließlich ist nichts mehr wie vorher, es ist ein anderes Leben. Doch heißt es nun es wieder selbst zu gestalten.

 

Du bist ein totales Energiebündel bringst viel (Frei-)Zeit für Deine Tätigkeit auf.

Wie entspannst und regenerierst Du dich persönlich?

Viele beschreiben mich als Sonnenschein, ich bin von Natur aus ein sehr fröhlicher und motivierter Mensch. Ich kann mich sehr gut für Dinge begeistern. Um meinem Kopf freizubekommen treibe ich sehr viel Sport und habe vor ca. 1,5 Jahren angefangen zu meditieren und Yoga zu betreiben. Mindestens einmal im Jahr nehme ich mir eine längere Auszeit. Das kann mal eine Woche sein, in der ich mich von allem „offline“ schalte oder auch eine mehrwöchige Reise, die mich einmal aus meinem Alltag reißt. Raus aus der Komfortzone, raus aus Uni, Job und Berlin. Refreshing. Das wirkt Wunder bei mir.

 

Dein Antrieb und Dein Engagement begeistern und beindrucken uns sehr. Wir wünschen Dir viel Erfolg und alles Gute für das Projekt.

Vielen Dank für das kleine Interview.

Buen Camino!

 

Alle weiteren Informationen zu Annelie und ihrem tollen Projekt findet ihr HIER

 

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