Maschas Kolumne

Unbekannte Genossin

Seit vielen Jahren sehe ich dich. Mit deinen sehr kleinen Mädchen auf der Straße, auf dem Spielplatz, im Supermarkt. Vor vier, fünf Jahren begegnete ich dir im Sommer auf dem Spielplatz. Du kennst mich nicht, aber ich sah deine Veränderungen: Strohhut, blasse Haut, langsame Bewegungen, keine Haare. Und hörte, wie du zu einem deiner Kinder sagst: Bleib hier mit Oma. Ich gehe nach Hause, muss mich hinlegen, mir geht es nicht gut. In diesem Moment wurde mir klar, dass du schwer krank bist. Eine Traurigkeit überkam mich, weil ich deine sehr jungen Kinder sah und ich ein sehr junges Kind hatte. Wenige Zeit später erhielt ich meine Krebsdiagnose und ich ging im heissen Berliner Sommer mit Strohhut, blasser Haut, langsamen Bewegungen, keinen Haaren auf den Spielplatz mit meinem kleinen Kind und hoffte, dir wieder zu begegnen. Ich konnte nie lange bleiben, weil ich müde von der Chemo war.

Letzte Woche ging ich auf dem Gehweg an dir und deinen Kindern vorbei. Deine Haare reichen dir in dicken Locken über die Schultern. Und du lachst und hörst den Erzählungen deiner Tochter zu, schiebst dein Fahrrad beladen mit Einkäufen neben dir her.

Du kennst mich nicht, aber ich sehe dich und freue mich über unsere Begegnungen. Manchmal überlege ich, dich anzusprechen, einmal highfive, vielleicht nur kurz stehen bleiben und einander anschauen. Aber dann bin ich auch schon wieder an dir vorbeigelaufen und mein Kind erzählt mir den neuesten Witz vom Schulhof. Ich lache und schiebe mein Fahrrad neben mir her. In Gedanken grüße ich dich, meine Genossin.

Deine Mascha

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